Pressearttikel von den Videofilmtagen in Gera :


“ Kvideo/film tage: "Träume", "Engel", "Zeit zum Erinnern"

Dieses Festival ist so alt wie die Offenen Kanäle in Deutschland. Es findet abwechselnd in zwei Städten statt; die dortigen Offenen Kanäle gehören jeweils zu den Kooperationspartnern. Und doch war das Verhältnis der „video/film tage“ zu den Bürgerfernsehsendern immer zwiespältig. Workshops und Wettbewerb – das Festival, das gerade zum 23. Mal in Gera über die Bühne ging, besteht selbst aus disparaten Teilen. Ein breites Workshopangebot richtet sich teils an Kinder, teils an Multiplikatoren (sprich Lehrer und Sozialpädagogen), teils an ambitionierte Jugendliche auf dem Weg zur Filmhochschule. Auch die festliche Eröffnung und Preisverleihung der 23. video/film tage am 2. November 2006 versuchte, nicht nur diese drei Zielgruppen unter einen Hut zu bekommen.

Albert Treber und seinem Veranstalterteam aus den Landesfilmdiensten Thüringen und Rheinland-Pfalz, dem rheinland-pfälzischen Landesmedienzentrum und dem Kulturbereich der Stadt Gera gelingt es, Festivalflair in den Veranstaltungsraum des Geraer „Clubzentrums COMMA“ zu zaubern. Moderationen und Filmeinspielungen folgen punktgenau aufeinander; auch der begrüßende Geraer Bürgermeister Norbert Hein hält sich an die 120 Sekunden, die die Regie ihm zugestand, und man nimmt es ihm ab, wenn er von den video/film tagen als dem „kulturellen Highlight des Jahres“ in Gera spricht.

310 Filme aus ganz Deutschland wurden zum Wettbewerb eingereicht, immerhin 16 mal wurden Gewinner von „Förder-„ und „Sonderpreisen“ auf die Bühne gerufen. Zu den Preisstiftern gehören nicht nur die Veranstalter, sondern auch die Sparkasse Gera-Greiz, die Ostthüringer Zeitung, die Landeszentralen für politische Bildung der beteiligten Länder und bereits zum 8. Mal Hans W. Geißendörfer, der Erfinder und Produzent der „Lindenstraße“. Die video/film tage sind in den vergangenen Jahren zu einer festen Adresse für Deutschlands Filmstudenten geworden. Einige hervorragende Hochschularbeiten wie „Tyttönen – the young girl“, „fliegen und fallen“ und „Der erste Engel“ waren am 2. November in Ausschnitten zu sehen. „Der erste Engel“ des Mannheimers Mario A. Conte war auch einer der beiden Träger eines „Hans W. Geißendörfer Nachwuchspreises“. Die Handlung: Ein Mann will sich aufhängen. Ein Engel tritt auf, um ihn davon abzuhalten. Eine mephistophelische Figur tritt hinzu, Engel und Teufel kämpfen um den Mann, der – die Schlinge um den Hals – zum Zuschauer seines Schicksals wird. Der Low-Budget-Film ist virtuos erzählt und prominent besetzt. Er wird sicher auch auf anderen Festivals reüssieren.

Maria Kretschmann, Auszubildende des Offenen Kanals Gera, hat einen ganz anders gearteten Preisträgerfilm gestaltet. In „Zeit zum Erinnern“ erzählen zwei über 80-jährige Geraerinnen, wie sie die Zeit des Dritten Reichs und des Krieges erlebten. In einem ähnlichen Projekt dokumentierte eine gemischte Gruppe aus beiden Bundesländern in Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte Buchenwald die Geschichte einer Geraerin, die in den ersten Nachkriegstagen von Russen als „Werwölfin“ verhaftet und drei Jahre lang in Buchenwald inhaftiert wurde. Bei ihrer Freilassung offenbarte man ihr, dass man von ihrer Unschuld gewusst habe. Ihre Haftzeit sei eine „Zeit, die nicht existiere“, die in keiner Akte, keinem offiziellen Lebenslauf auftauchen solle.

Den beeindruckendsten Dokumentarfilm lieferte ein Leipziger, bei dessen Frau 2000 im Alter von 53 Jahren Alzheimer diagnostiziert worden war. Der kurze Ausschnitt, in dem der Filmemacher seine Frau daran zu erinnern versucht, dass er ihr Ehemann sei, riss einen bereits aus der fröhlichen Preisverleihungsathmosphäre. Der Vergleich mit „Tyttönen – the young girl“, einem Kurzfilm des Bauhaus-Studenten Fabian Gießler, der ein ähnliches Thema in eine kurze, brilliant bebilderte Filmhandlung umsetzt, illustriert den Unterschied zwischen „Spiel“ und „Ernst“. Auf der Bühne und auf der Leinwand des COMMA haben sich die Laienproduzenten aus den Offenen Kanälen gegen hervorragend ausgebildete Nachwuchsprofis zu behaupten.

Als dritte Kategorie treten schulische Projekte hinzu. Das Bemühen um Medienkompetenz bringt Produkte wie den Film „Träume“ hervor, in dem Schüler einer Körperbehindertenschule aus Landstuhl/Pfalz ihre bescheidenen Lebensträume illustrieren. Auch dieser Film hat seinen „Medienpädagogischen Sonderpreis des Thüringer Institutes für Lehrerfortbildung, Lehrplanentwicklung und Medien“ redlich verdient.

Man durfte sich beeindrucken lassen bei diesem Galaabend; von jedem Filmausschnitt auf neue, andere Art. Die beiden gut präparierten Moderatorinnen hatten zwischenzeitlich alle Mühe, die Klüfte zwischen Filmhochschularbeiten, Bürgerdokumentationen und schulischen Medienkompetenzprojekten zu überbrücken. Der dreifache Spagat hat Tradition bei den video/film tagen; viele Beteiligte und Gäste bringen die nötige Toleranz schon mit. Die video/film tage schöpfen daraus ihre eigene Athmosphäre. Sie fühlt sich gut an, auch wenn man nicht immer genau weiß, wofür sie gut ist.

Autor: Hans-Uwe Daumann
Datum: 06.11.2006
Artikel von Hans-Uwe Daumann www.connex-magazin.de)